Im Mittelpunkt standen die Folgen von Kürzungen bei Integrationskursen, die Arbeit der Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE), Fragen der Radikalisierungsprävention sowie der Klimaschutz im sozialen Sektor.
Beim ersten Termin im WKB diskutierten Rinkert und Junggeburth mit Mitarbeitenden des AWO Bezirksverbands Niederrhein über die aktuelle Situation bei Integrations- und Sprachkursen. Der Bedarf sei weiterhin sehr hoch, betonten die AWO-Weiterbildungsexpertinnen. Dies gelte insbesondere mit Blick auf den branchenübergreifenden Fachkräftemangel in Deutschland. Denn der deutsche Arbeitsmarkt ist auf Fachkräfte mit Migrationsgeschichte zwingend angewiesen. Allerdings ist die (Arbeitsmarkt-)Integration ohne ausreichende Sprachkenntnisse kaum möglich.
Im Anschluss besuchten die Politiker einen Sprachkurs des WKB. Dort berichteten Teilnehmende von ihren Erfahrungen – darunter Geflüchtete aus der Ukraine sowie Menschen mit türkischer Familiengeschichte. Zentrale Themen waren die Herausforderungen bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Universitätsdiplomen und die alltäglichen Hürden bei der Integration ohne fundierte Deutschkenntnisse. Mehrfach wurde der Wunsch geäußert, die Stundenzahl von Integrationskursen wieder auf 800 statt aktuell 600 Unterrichtseinheiten zu erhöhen. Einhellig betonten die Kursteilnehmenden dabei, wie wichtig diese Kurse für ihre gesellschaftliche und berufliche Eingliederung sind.
Migrationsberatung: Komplexe Fälle, langfristige Begleitung
Ein weiterer Schwerpunkt war die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE). Das Angebot richtet sich an Menschen mit Migrationshintergrund ab 27 Jahren in Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen. Die Beratung versteht sich als „Hilfe zur Selbsthilfe“ und deckt ein breites Spektrum ab: von sozialrechtlichen Fragen über Wohnungs- und Gesundheitsthemen, Arbeitsmarktzugang, Verbraucherschutzfragen bis hin zu Unterstützungsbedarfen im Alltag.
Das interkulturell geschulte Beraterteam appellierte an die Politik, dass sinkende Zahlen bei neuen Beratungskontakten nicht automatisch geringeren Bedarf bedeuten. Denn viele Fälle blieben über Jahre in der MBE-Betreuung, da die Problemlagen oft komplex seien. Zudem wiesen die AWO Integrationsexpert*innen auch auf den gesellschaftlichen Mehrwert ihrer Arbeit hin, die die ohnehin finanziell an die Wand gedrückten Kommunen durch gelingende Integration massiv entlastet. So begleitet die MBE bspw. Schulen/Kindertageseinrichtungen, Jobcenter, Jugendamt oder die Schulen/Kitas sowie Eltern bei Fragen rund um die Themen Flucht und Integration. Große Kritik übten die Berater*innen an den im Bundeshaushalt 2027 vorgesehenen Kürzungen in Höhe von knapp 4 Millionen EUR in der MBE.
Neuss: Radikalisierungsprävention und klimaneutrale AWO
Nach dem Ortswechsel nach Neuss stellten die AWO Mitarbeitenden im Landespräventionsprogramm „Wegweiser – Stark ohne islamistischen Extremismus“ im Rhein-Kreis Neuss ihre Arbeit und die Notwendigkeit der Radikalisierungsprävention im Bereich Islamismus und auslandsbezogenen Extremismus vor. Der Zugang zu der Zielgruppe Jugendliche und junge Erwachsene erfolge meist über Workshops und Sprechstunden an Schulen sowie über das soziale Umfeld der jungen Menschen, die auf dem Weg der Radikalisierung sind. Betont wurde auch die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Schulen, Vereinen, Behörden und Unternehmen in der Region.
Im Anschluss präsentierte der AWO Bezirksverband Niederrhein den Ziel- und Maßnahmenplan Klimaschutz, der im Bezirksverband unterstützt durch das im Rahmen des Programms rückenwind³ - durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESFPlus) geförderte Projekt “KliNa” umgesetzt wird. Damit macht sich der Wohlfahrtsverband konkret auf den Weg zur Klimaneutralität bis 2040. Die Maßnahmen gliedern sich in fünf Handlungsfelder: Gebäudeenergie, Mobilität, Verpflegung, Ressourcen und Beschaffung sowie Transparenz und Controlling.
Inzwischen sind beim AWO Bezirksverband Niederrhein bereits viele Schritte implementiert – etwa Bewusstseinsbildung durch einen „Klimapost“, vegetarische Sitzungsverpflegung oder energetische Sanierungen. Gleichwohl musste in dem Zusammenhang die Finanzierungsfrage aufgeworfen werden. Denn die aktuellen Fördermöglichkeiten auf Bundes- und Landesebene für Hitzeschutzmaßnahmen sind in Zeiten des Klimawandels und extremer Hitzeunwetterphasen im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ohne zusätzliche Unterstützung von Bund und Land bleibe die Perspektive für die zahlreichen Dienste und Einrichtungen des AWO Bezirksverbands Niederrhein, in denen junge und alte Menschen Unterstützung erfahren, schwierig.
Appell an die Politik: Kontinuität statt Kürzungen
Die beiden Politiker zeigten sich beeindruckt von der Praxisnähe der AWO-Arbeit. Beide betonten, wie wichtig kontinuierliche Förderstrukturen seien – gerade in Bereichen wie Integration, Migrationsberatung und Prävention.
„Die Sommertour war nicht nur für den AWO Bezirksverband Niederrhein eine Möglichkeit, einen kleinen Auszug aus seiner sozialen Arbeit zu präsentieren. Sie verdeutlichte auch politischen Entscheidungsträgern in Bund und Land, dass soziale Infrastruktur Planungssicherheit braucht, um langfristig wirksam zu bleiben. Dafür brauchen wir Kontinuität statt Kürzungen“, betonte AWO Bezirksvorstand Michael Rosellen im Anschluss an den Besuch.
