Der NIPT ist ein Bluttest, der ab der zehnten Schwangerschaftswoche Hinweise auf Trisomien 13, 18 und 21 geben kann. Da es keine therapeutischen Möglichkeiten gibt, stehen die Ergebnisse häufig im Zusammenhang mit der Frage eines Schwangerschaftsabbruchs. Besonders bei sehr jungen Schwangeren komme es häufiger zu falsch‑positiven Befunden. Obwohl die Krankenkassen den Test seit 2021/2022 nur in „begründeten Einzelfällen“ bezahlen sollen, wird eine faktische Nutzung als Reihenuntersuchung beobachtet. Routinedaten etwa der BARMER zeigten in der Altersgruppe der 36‑ bis 45‑Jährigen Nutzungsquoten von bis zu 70 Prozent, während invasive Untersuchungen nicht zurückgegangen seien.
„Allerdings werden Beratungen nach einem auffälligen Ergebnis kaum in Anspruch genommen, und ärztliche Zuweisungen zur psychosozialen Beratung nach § 2a Schwangerschaftskonfliktgesetz blieben die Ausnahme“, kritisierte Dr. Nadia Heming in dem Gespräch. Nadia Heming arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der auf pränatale Beratung spezialisierten Beratungsstelle in der Universitätsfrauenklinik Essen, die dort durch das AWO Lore-Agnes-Haus betrieben wird. Im Universitätsklinikum begleitet die Ärztin gemeinsam mit einer Psychologin Schwangere in belastenden Situationen rund um Pränataldiagnostik und Klinikaufenthalt. In Nordrhein‑Westfalen existieren derzeit insgesamt vier solcher spezialisierten PND‑Beratungsstellen. Die AWO ist Mitglied im Bündnis „#NoNIPT – Bündnis gegen Selektion durch Pränataldiagnostik“ und setzt sich für selbstbestimmte Entscheidungen statt gesellschaftlichen Druck sowohl im Zusammenhang von Nutzung pränataler Tests als auch bei den eventuell daraus folgenden Entscheidungen ein.
Bundestag berät über interdisziplinäres Expertengremium
Politischen Rahmen erhält die Debatte über NIPT durch einen interfraktionellen Gruppenantrag von 106 Abgeordneten (Drucksache 21/3873), der Ende Januar in den Bundestag eingebracht wurde. Kern des Antrags ist die Einrichtung eines interdisziplinären Gremiums, das pränatale Tests bewertet, ethisch tragfähige Leitlinien entwickelt und sicherstellt, dass pränatale Screenings eine Ausnahme bleiben. Die erste Lesung fand am Freitag, 20. März, statt; anschließend wurde der Antrag zur weiteren Beratung in die Ausschüsse überwiesen, federführend an den Gesundheitsausschuss. Noch vor der Sommerpause sollen zweite und dritte Lesung sowie eine namentliche Abstimmung stattfinden, damit erste Ergebnisse des vorgesehenen Monitorings bis spätestens 30. Juni 2027 vorliegen können.
AWO warnt vor wachsendem Anpassungsdruck
Die AWO Beratungsstelle in Essen unterstützt Frauen in allen Entscheidungswegen – inklusive der Entscheidung für oder gegen ein Kind mit Behinderung. Gleichzeitig setzt sich der Verband für gute Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung und deren Familien ein. „Die Kassenfinanzierung des NIPT trage zwar zur Gleichberechtigung beim Zugang zu medizinischen Leistungen bei, verstärke aber auch einen gesellschaftlichen Anpassungsdruck, weil Behinderung als vermeidbares Defizit markiert wird“, betonte AWO Bezirksvorstand Michael Rosellen in dem Austausch mit dem Essener Bundestagsabgeordneten. Nach Einschätzung von Dr. Nadia Heming und Nicola Völckel (Leiterin des Lore-Agnes-Hauses) könnten Frauen bereits vor Durchführung des Tests besser begleitet werden, „wenn es verbindliche Strukturen für Zuweisungen in die Beratung gäbe.“
Essener Abgeordnete soll Beratungsverlauf unterstützen
Gegenüber Ingo Vogel formulierte der AWO Bezirksverband Niederrhein mehrere konkrete Anliegen. So bat der Wohlfahrtsverband den Abgeordneten, den Gruppenantrag im Parlament zu unterstützen und an allen Abstimmungen teilzunehmen. Vogel solle außerdem das Gespräch mit Kolleg*innen aus den Fraktionen suchen, um weitere Unterstützung für den Antrag zu gewinnen. Bereits im Austausch machte der Bundestagsabgeordnete seine Position deutlich und stellte klar, dass wenn NIPT zum Regelfall geworden sei, der Gesetzgeber da noch mal draufschauen müsse.