Zum ersten Treffen des neuen Arbeitskreises konnten über 25 Teilnehmende aus ganz unterschiedlichen Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe im Ruhrgebiet begrüßt werden. Vertreten waren unter anderem Förderschulen, Schwangerschaftsberatungen, Beratungsangebote für Menschen mit Behinderung, Wohngruppen, Werkstätten für Menschen mit Behinderung sowie Aidshilfen. Schon die Vorstellungsrunde machte deutlich, wie groß der Bedarf an Austausch und gemeinsamer Konzeptentwicklung ist. Viele der Anwesenden arbeiten seit Jahren zu Fragen von Liebe, Beziehungen, Grenzen und Gewaltprävention – oft jedoch noch ohne feste Vernetzungsstrukturen.
Die Atmosphäre beim Auftakt war entsprechend dicht: Selten kommen so viele Berufsgruppen zusammen, um Sexualität und Behinderung ausdrücklich als Menschenrechtsthema zu diskutieren. Im Mittelpunkt stand der gemeinsame Wille, Sexualität nicht länger nur als Risiko oder „Problemfeld“ zu betrachten, sondern als selbstverständlichen Teil eines inklusiven Lebens. Dies entspricht auch aktuellen fachlichen und rechtlichen Positionen, die die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung als unveräußerliches Recht betonen.
Sexualität aus der Tabuzone holen
Die Mitglieder des Arbeitskreises waren sich einig: Sexualität von Menschen mit Behinderung wird in Einrichtungen, Schulen und Familien noch immer häufig tabuisiert oder nur am Rande bearbeitet. Dabei zeigen zahlreiche Projekte aus der Behindertenhilfe, wie wichtig sexualpädagogische Angebote für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen sind – von Beratungsstellen über inklusive Bildungsangebote bis hin zu Projekten zur sexuellen Selbstbestimmung. Genau hier will der neue Arbeitskreis ansetzen.
Konkret geht es darum, das Thema Sexualität systematisch in Schutzkonzepte einzubinden, in der Arbeit mit Schüler*innen und in der Elternarbeit zu verankern und Mitarbeitende zu qualifizieren. Dazu gehören Fragen von Aufklärung und Prävention ebenso wie die Stärkung von Rechten: Das Recht auf Sexualität, auf Partnerschaft und Intimität – genauso wie das Recht auf Grenzen, Konsens und Schutz vor Gewalt. In Arbeitsgruppen sollen künftig Materialien ausgetauscht, gute Beispiele gesammelt und neue Formate entwickelt werden: von niedrigschwelligen Gruppenangeboten bis hin zu Fortbildungen für Fachkräfte.
Spin-off aus dem Projekt „Liebes-Lotsen“
Der Arbeitskreis ist als Spin-off aus dem von Aktion Mensch geförderten Projekt „Liebes-Lotsen“ entstanden. Dieses verfolgt den Ansatz der Peer Education: Menschen mit Beeinträchtigung werden zu Multiplikator*innen ausgebildet, die ihr Wissen über Liebe, Beziehungen, Sexualität und Grenzen an andere weitergeben. Solche Peer-Projekte haben sich bundesweit als wirkungsvolle Möglichkeit erwiesen, tabuisierte Themen zugänglich zu machen und Selbstbestimmung praktisch zu stärken.
Mit dem neuen Arbeitskreis zeigt sich zugleich, welche Rolle der Träger als Netzwerkknoten in diesem Themenfeld inzwischen einnimmt. Durch Projekte wie „Liebes-Lotsen“ oder weitere von Aktion Mensch geförderte Vorhaben in der Behinderten- und Jugendhilfe sind in den vergangenen Jahren vielfältige Strukturen entstanden, die sexuelle Bildung, Schutzkonzepte und Inklusion zusammendenken. Dass Fachkräfte aus so vielen unterschiedlichen Bereichen dem Aufruf gefolgt sind, ist ein deutliches Signal: Das Thema ist angekommen – und es braucht Orte, an denen es gemeinsam weiterentwickelt wird.
Wie es weitergeht
Beim ersten Treffen standen Kennenlernen und die Sammlung von Themen im Vordergrund; die inhaltliche Vertiefung und die konkrete Gestaltung der nächsten Schritte werden in den kommenden Sitzungen folgen. Geplant ist, den Arbeitskreis dauerhaft zu etablieren und regelmäßig im Ruhrgebiet zusammenzubringen. Langfristig soll so ein stabiles Netzwerk entstehen, das sich gegenseitig fachlich stärkt, Ressourcen teilt und Menschen mit Behinderung dabei unterstützt, ihr Recht auf Sexualität selbstbestimmt zu leben – in sicheren Rahmenbedingungen, mit klaren Schutzkonzepten und gut geschulten Fachkräften. Interessierte melden sich bitte bei Carla Tenthoff und Katinka Vooren unter dieser E-Mail-Adresse.