Reichskonferenz der AWO 9. – 12. Oktober 1949 in Schloss Burg, Konzert im Solinger Theater: vorne rechts:  Bezirksvorsitzender Willi Wolff (Tagungsleiter), 1. von links: Aenne Franz, 2. von links: Hanna Gnoß

Wer ist ...

Offenkundig muss es ein wenig mit dem Datum zu tun haben, dass Menschen, die am 24. Dezember geboren wurden, sich besonders für ihre Mitmenschen einsetzen. Zu diesen gehört auch die Essenerin Maria Berns, die vor 120 Jahren das Licht der Welt erblickte. 

Von den Nazis an ihren sozialpolitischen Tätigkeiten gehindert, kam die Zeit der Sozialdemokratin nach dem 2. Weltkrieg. Sie baute als Essener Ratsfrau und Landtagsabgeordnete nicht nur das demokratische System mit auf, sie war auch maßgeblich am Wiederaufbau der AWO beteiligt. Unter ihrer Federführung als Geschäftsführerin der AWO Essen und im Vorstand des Bezirksverbandes Niederrhein entstanden die ersten Alters- und Jugendheime. 

Die Nachkriegsmutter – wie sie liebevoll genannt wurde – setzte sich engagiert für die Beseitigung sozialer Not und für die Schaffung sozialer Einrichtungen ein und erwarb sich damit unvergessene Dienste um das Wohl ihrer Mitmenschen. Sie verstarb am 4. März 1981. 

Mit Markenzeichen musste sich die 1898 geborene Hanna Gnoß nicht auseinandersetzen. Sie war in Solingen ebenso bekannt wir ihr Fahrrad. Stand dieses Fortbewegungsmittel von Hanna Gnoß vor einer Tür, wusste jede*r: hier wird geholfen. Und diese Hilfe zur Selbsthilfe leistete die überzeugte Sozialdemokratin und Gewerkschafterin ihr Leben lang.

Ihr Wirkungskreis lag dabei nicht nur  in Solingen. Während der NS-Diktatur kümmerte sie sich zum Beispiel um jüdische Kinder in Frankfurt am Main und Verden a. d. Aller. Nach dem Krieg kehrte sie nach Solingen zurück und baute die AWO wieder auf. Stand zunächst die materielle Hilfe im Fokus, legte sie später als Vorsitzende der AWO Solingen und als Bezirksvorstandsmitglied Meilensteine in der aktiven Sozialarbeit. 

Für ihre soziale Arbeit im Bereich Jugend- und Altenhilfe wurde die 1974 verstorbene Hanna Gnoß sowohl mit der Marie-Juchacz-Plakette als auch mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. 

5 bis 20 Millionen Menschen haben in den Konzentrationslagern der Nazis gelitten, Millionen wurden dort ermordet. Einer von ihnen ist Paul Gerlach. Der Sozialdemokrat war nicht nur Mitbegründer der AWO in Düsseldorf, maßgeblich beteiligte er sich auch am Aufbau einer Bezirksorganisation der AWO für den Niederrhein und war ab 1925 deren Vorsitzender.

Von 1928 bis 1933 gehörte Paul Gerlach zudem dem Reichstag an, wo er sich u.a. mit AWO Gründerin Marie Juchacz vergeblich gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis stemmte. Nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" wurde Paul Gerlach aus dem öffentlichen Dienst entlassen und mehrfach inhaftiert.

Im Zuge einer Verhaftungswelle nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler wurde der überzeugte Demokrat erneut verhaftet. Im KZ Sachsenhausen verstarb Paul Gerlach am 10. Oktober 1944 aufgrund der unmenschlichen Haftbedingungen. 

1919 wurde die AWO als „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“ gegründet. Auf diese organisatorische und personelle Verbindung zurückgehend sind viele unserer Einrichtungen nach Persönlichkeiten benannt, die im Sinne unserer gemeinsamen Werte viel für ihre Mitmenschen bewirkt haben.

Hierzu gehört zweifelsfrei auch der Dinslakener SPD-Politiker Wilhelm Lantermann. 1899 geboren, war er von 1929 bis 1933 Stadtverordneter und von 1946 bis 1973 Bürgermeister seiner Heimatstadt. Im Verlauf seiner Karriere war er auch noch Mitglied im Kreis-, Land- und Bundestag. Zeitlebens setzte er sich für „kleine“ Leute ein und besaß das Vertrauen der Bürger*innen. 1973 verstarb Lantermann während einer Ratssitzung. An seine Bürgernähe und seinen bedeutenden Einsatz für viele Menschen erinnern wir mit dem AWO Seniorenzentrum Wilhelm-Lantermann-Haus in Dinslaken.

Starke Frauen haben in der AWO eine hundertjährige Tradition. Zu diesen Frauen gehört auch (He-)Lene Reklat. Die 1914 geborene Rheinhauserin war bereits mit 14 Jahren in der AWO aktiv und trat dem Wohlfahrtsverband schon mit 17 Jahren bei – durchaus ungewöhnlich für diese Zeit. 

Nach dem 2. Weltkrieg linderte Lene Reklat  zunächst die unmittelbare Not der Kinder. Ab 1955 organisierte sie Ferienfreizeiten, die sie 15 Jahre lang betreute. 1965 gründete sie  in Rheinhausen "Essen auf Rädern". Um selbst Ausfahren zu können, machte Lene Reklat dafür mit 51 Jahren noch den Führerschein. 

Zudem engagierte sich die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Lene Reklat 40 Jahre lang kommunalpolitisch. Auch dem  AWO Bezirksvorstand gehörte die Trägerin der Marie-Juchacz-Plakette viele Jahre an. 

Noch zu Lebzeiten wurde ein AWO Seniorenzentrum nach der 2008 verstorbenen Lene Reklat benannt – mit ihr als Bewohnerin.

Bekannt wie ein "bunter Hund" war Meta Dümmen nicht nur, weil sie jahrelang dem AWO Bezirksvorstand Niederrhein angehörte. Vor allem in ihrer Heimatstadt Dinslaken konnte die dortige AWO Vorsitzende und SPD-Stadtverordnete nicht unerkannt über die Straße gehen. Denn das Interesse der im August 1914 geborenen Meta Dümmen galt ihren Mitmenschen und deren Wohlergehen. 

Unmittelbar nach dem Krieg trat Meta Dümmen der AWO bei, richtete Nähstuben ein und verteilte Care-Pakete an hungernde Familien.

Später war sie maßgeblich an der Errichtung der ersten Kita in Averbruch beteiligt. Doch auch die "Alten" hatte sie stets im Blick. So sind Bau und Inbetriebnahme unseres Seniorenzentrums Wilhelm-Lantermann-Haus in Dinslaken vor allem ihr Verdienst.  

Die Trägerin der Marie-Juchacz-Plakette und des Bundesverdienstkreuzes verstarb 2003. An sie erinnert eine nach ihr benannte Begegnungsstätte in Dinslaken.

Willy Könen, der am 08. April seinen 111. Geburtstag gefeiert hätte, war ein Tausendsassa.

Bereits mit 18 Jahren trat er in die SPD ein und beteiligte sich in den folgenden Jahren am Widerstand gegen die Nazis. Nach dem Krieg setzte er sich als Bezirksgeschäftsführer der AWO Niederrhein dafür ein, die schwere Not zu lindern und baute die von den Nazis zerschlagene AWO unermüdlich wieder auf. 1953 wurde Könen in den Bundestag gewählt. Als Abgeordneter war Willy Könen maßgeblich an der Erarbeitung des 1961 beschlossenen neuen Sozialhilfegesetzes beteiligt. Insider bezeichnen ihn auch als dessen Vater.

Von 1965 bis 1977 war Willy Könen Vorsitzender unseres Bezirksverbandes und wurde 1965 ebenfalls zum stellvertretenden AWO Bundesvorsitzenden gewählt. Der Träger der Marie-Juchacz-Plakette starb am 28. Juni 1980. Nach ihm wurde unser Bildungswerk und ein Seniorenzentrum in Neukirchen-Vluyn benannt. 

Wer eignet sich zum Start dieser Rubrik besser als Ernst Dröner - der Gründungsvorsitzende unseres Verbandes am Niederrhein?! Der am 9. Januar 1879 geborene Sozialdemokrat war von 1921 bis 1925 Bezirksvorsitzender.

Neben seiner Tätigkeit als Gewerkschaftler war Ernst Dröner unter anderem Chefredakteur einer Tageszeitung sowie an der Verabschiedung der Weimarer Verfassung beteiligt. Ab 1919 war er dann hauptamtlicher Beigeordneter der Stadt Elberfeld bzw. Wuppertal. 1933 wurde er durch die Nazis aus diesem Amt entfernt und mehrfach inhaftiert. Nach 1945 engagierte sich Dröner erneut kommunalpolitisch als Stadtverordneter in Wuppertal.

Am 15. August 1951 verstarb Ernst Dröner in Folge eines Herzschlages ausgerechnet während eines Kuraufenthaltes in Bad Pyrmont.

Berta Möller-Dostali gestaltete in Essen und am Niederrhein das soziale Miteinander durch die AWO und mit der SPD. Die Grande Dame der Arbeiterbewegung war zunächst zehn Jahre Geschäftsführerin unseres Bezirksverbandes, bis sie 1964 die gleiche Tätigkeit bei der AWO Essen übernahm. Mit dem Bezirksverband blieb sie als dessen Vorstandsmitglied dennoch bis zum Jahr 1971 eng verbunden.

Bereits seit 1949 gehörte Berta Möller-Dostali dem Rat der Stadt Essen an und wirkte seit 1953 auch in der Landschaftsversammlung Rheinland am Wiederaufbau des politischen und sozialen Gefüges mit. Besonders setzte sie sich für Kinder, ältere Mitmenschen und für ausländische Arbeitnehmer*innen ein. Die schönste Anerkennung erhielt sie dabei durch die Freude der Menschen, denen sie helfen konnte. 

1969 wurde sie als erste Frau zu Essens Bürgermeisterin gewählt und führte dieses Amt zehn Jahre lang aus. 

Berta Möller-Dostali, die 2001 im Alter von 92 Jahren verstarb, bereute in ihrem Leben nur, niemals Englisch gelernt zu haben.

"Sie bleibt für alle Mitarbeiter und Freunde der Arbeiterwohlfahrt der beispielhafte Inbegriff der selbstlosen Sozialistin, die da lebte und wirkte um der Geknechteten und Elenden willen". Viel mehr Worte als in der Traueranzeige des AWO Bezirksverbands Niederrhein zum Tod seiner Ehrenvorsitzenden im Juni 1953 müssen eigentlich nicht mehr geschrieben werden, um das Leben und Wirken von Lore Agnes zu würdigen. 

Die Pazifistin kämpfte mit der AWO und SPD für soziale Reformen und leidenschaftlich für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Nach dem 2. Weltkrieg beteiligte Lore Agnes sich trotz schwerer Krankheit aktiv am Wiederaufbau unseres Wohlfahrtsverbandes und der demokratischen Strukturen.  

An ihren uneigennützigen Einsatz für ihre Mitmenschen erinnern wir mit dem Lore Agnes-Haus. Auch außerhalb der AWO wird ihr Wirken gewürdigt: Die Ruhr-Uni Bochum vergibt den Lore-Agnes-Preis für Projekte zur Gleichstellung. 

"Meine Herren und Damen" sind wohl die bekanntesten Worte von Marie Juchacz, die als erste Frau vor einem deutschen Parlament sprach. Aber sie war mehr als nur eine engagierte SPD-Abgeordnete. Marie Juchacz war vor allem eine leidenschaftliche Sozialpolitikerin mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Daher verwundert es auch nicht, dass die AWO Gründung vor 100 Jahren vor allem auf ihr Engagement zurückging. Bis zum Verbot durch die Nazis stand sie der AWO 14 Jahre vor und prägte sie nachhaltig. 1933 flüchtete sie ins Exil, gründete 1945 die AWO USA und half Kriegsflüchtlingen und den Menschen im zerstörten Nachkriegsdeutschland.

Marie Juchacz, die am 15. März ihren 140. Geburtstag gefeiert hätte, kehrte 1949 nach Deutschland zurück und wurde auf der Solinger Reichskonferenz Ehrenvorsitzende der AWO. Am 28. Januar 1956 starb sie in Düsseldorf.

Ehrenamtliches Engagement liegt meistens in Frauenhänden. Insbesondere die AWO wurde von Frauen geprägt und gestaltet. Beides trifft auf die Solingerin Erika Rothstein zu, die von 1995 bis 2003 im Bezirksvorstand der AWO Niederrhein Verantwortung für unseren Verband übernahm.

Erika Rothsteins Leidenschaft galt dem Ehrenamt. In Vereinen und Verbänden konnte die alleinerziehende Mutter ihren unbändigen Willen, sozial zu intervenieren, leben. Die passionierte Kommunalpolitikerin und Solinger Bürgermeisterin professionalisierte 1990 ihr Engagement und zog für die SPD in den Landtag NRW ein. Dort rückte sie schnell ins Präsidium auf.

Es waren gerade die konkreten Probleme vor Ort, die die 1935 geborene Erika Rothstein auf die Palme brachten und zum Eingreifen drängten. Vor allem, wenn es um das Ehrenamt und das Lösen sozialer Probleme ging. 

Die Trägerin des Ehrenrings der Stadt Solingen verstarb am 12.07.2015. 


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