Das Spiel ist als Gruppenspiel konzipiert und basiert auf Fragen aus unterschiedlichen Kategorien – von Wissensfragen über Diskussionsanregungen bis hin zu persönlichen Reflexionsfragen. Die Spieler*innen bewegen sich dabei sprichwörtlich „durch den Dschungel“ der Sexualität, lernen verschiedene Verhütungsmethoden kennen und sprechen über eigene Haltungen, Wünsche und Grenzen. Ziel war und ist es, schwierige Themen spielerisch zu enttabuisieren und einen geschützten Raum zu schaffen, in dem Fragen gestellt werden dürfen, ohne sich zu schämen.
Schon kurz nach seiner Entwicklung wurde das Spiel nicht nur in der Beratung, sondern auch in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt. So spielten es zum Beispiel Ehrenamtliche auf Ferienfreizeiten mit Jugendlichen, um jenseits von Schule und Elternhaus einen lockeren Zugang zu Sexualaufklärung zu schaffen. Das Spiel wurde zudem von Kolleg*innen in andere Einrichtungen getragen und fand so seinen Weg in weitere pädagogische Kontexte.
Verankert in der Geschichte der Sexualpädagogik
„Durch den Dschungel der Sexualität und Verhütung“ markiert einen Wendepunkt in der sexualpädagogischen Arbeit: Neben der klassischen Wissensvermittlung über Körper, Zyklus und Verhütungsmittel rückten stärker die Lebensrealität und die individuellen Erfahrungen der Jugendlichen und Erwachsenen in den Mittelpunkt. Fragen wie „Wie oft darf man Sex haben?“ machen deutlich, dass es nicht nur um biologische Fakten geht, sondern auch um Werte, Normen und persönliche Entscheidungen.
Das Spiel erklärt ein breites Spektrum von Verhütungsmitteln – von Pille und Spirale über Diaphragma und Temperaturmethode bis hin zur Sterilisation – und eröffnet so einen differenzierten Blick auf Familienplanung und Verantwortung. Damit knüpft es an den Grundsatz des Lore-Agnes-Hauses an, Menschen dabei zu unterstützen, selbstbestimmt über ihre Sexualität und Fortpflanzung zu entscheiden.
Vom Methodenraum ins Museum
Dass das Spiel heute als zeithistorisches Objekt wahrgenommen wird, zeigt seine Aufnahme in museale Sammlungen und Ausstellungen. Es ist im Haus der Geschichte archiviert und dokumentiert dort einen wichtigen Abschnitt der feministischen und sexualpädagogischen Bewegung in der Bundesrepublik. Zugleich schlägt es eine Brücke in die Gegenwart: In der Ausstellung „Sex Now“ in Düsseldorf, die sich mit Körperbildern, Lust und gesellschaftlichen Debatten rund um Sexualität beschäftigt, wurde das Spiel als Beispiel für emanzipatorische Aufklärung präsentiert.
Auch in Berlin ist das Lore-Agnes-Haus mit seiner sexualpädagogischen Arbeit sichtbar: Die aktuelle Ausstellung „Apropos Sex“ im Museum für Kommunikation zeigt, wie sich Sexualmoral, Medienbilder und Formen der sexuellen Bildung in den letzten Jahrzehnten verändert haben. In einem Ausstellungsteil, der die praktische Sexualpädagogik in den Fokus rückt, wird das Brettspiel als methodischer Baustein moderner Aufklärungsarbeit vorgestellt und macht deutlich, dass gute Sexualpädagogik immer auch ein Gesprächsangebot ist – offen, wertschätzend und auf Augenhöhe.